Es war noch nicht Mittag, als sich an der Treffurter Straße in Alt-Hohenschönhausen etwas zusammenbraute – kein Unwetter, sondern etwas viel Wirkungsvolleres: 25 entschlossene Menschen mit Müllsäcken, Greifzangen und dem festen Willen, diesen Karsamstag nicht einfach verstreichen zu lassen. Draußen war es kühl, die Luft noch frisch vom Morgen. Ein ungewöhnlicher Ort für ein Treffen an einem Feiertag. Aber genau der richtige.
Alles begann mit einer Nachricht. Conny ist Anwohnerin in der Gegend rund um die Treffurter Straße in Alt-Hohenschönhausen, direkt an der Grenze zu Marzahn – und sie hatte genug gesehen. Illegal entsorgter Müll auf einem nahegelegenen Grundstück, Unrat entlang der Rhinstraße, Ablagerungen im gesamten Umfeld. Zustände, die offenkundig seit längerer Zeit bestanden und die augenscheinlich bislang weder dem zuständigen Bezirk noch anderen Stellen aufgefallen waren – oder zumindest keine sichtbare Reaktion ausgelöst hatten. Conny meldete sich bei uns. Und wir machten uns ein Bild vor Ort.
Was wir sahen, bestätigte: Hier muss gehandelt werden.



Zwei Initiativen, ein Kiez, ein Ziel
Wir – das ist Clean up MaHe, eine ehrenamtliche Umweltinitiative aus Marzahn-Hellersdorf. Seit Jahren ziehen wir mit Säcken und Greifzangen durch unseren Bezirk, sammeln, was andere achtlos hinterlassen haben, und zeigen dabei: Einer Nachbarschaft, der ihre Nachbarschaft nicht egal ist, ist kaum etwas aufzuhalten.
Für diesen Einsatz hatten wir Verstärkung. Die Kehrenbürger Lichtenberg sind unsere Schwesterinitiative aus dem Nachbarbezirk – genauso ehrenamtlich, genauso hartnäckig, genauso unverzichtbar. Albrecht und sein Team haben wir schon bei früheren Aktionen als verlässliche, herzliche und tatkräftige Partner kennengelernt. Dass wir ausgerechnet an einem Müllspot tätig wurden, der geographisch genau an der Grenze zwischen Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf liegt, passte da perfekt: Müll kennt keine Bezirksgrenzen – unser Engagement auch nicht.
Punkt 11 Uhr: Das Clean-up-MaHe-Team und die Kehrenbürger Lichtenberg sind vollständig
Als wir uns um 11 Uhr an der Treffurter Straße trafen, war die Stimmung von Anfang an gut. Albrecht von den Kehrenbürgern Lichtenberg kam mit seiner Crew, und unser Team war vollzählig: Benni, René, Chris, Melli, auch Celine, Maximilian, Horst, Marion und Stefan, Daniel und Janina – allesamt Clean up MaHe durch und durch. Manche der Gesichter auf Seiten der Kehrenbürger kannten wir bereits aus früheren gemeinsamen Aktionen, andere lernten wir heute zum ersten Mal kennen. Auch auf unserer Seite waren wieder neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei, die zum ersten Mal mit anpackten.



Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und einer Übersicht über das Einsatzgebiet wurden Müllsäcke und Greifzangen ausgeteilt. Dass wir ausreichend Material für alle dabei hatten, ist kein Zufall: Wer sich im Vorfeld für unsere Aktionen anmeldet, hilft uns bei der Planung – und genau das macht den Unterschied zwischen „knapp“ und „gut vorbereitet“.
Da das Einsatzgebiet rund um die Treffurter Straße und entlang der Rhinstraße weitläufig ist, bildeten wir Gruppen und schwärmten gezielt aus. Was uns dann erwartete, übertraf selbst unsere Erwartungen – leider.
Benni und René: Das Grundstück, das vieles erklärt
Benni und René übernahmen mit den Teilnehmern aus Lichtenberg das Leergrundstück – ein weitläufiges, weitgehend ungesichertes Areal ohne durchgehende Einzäunung, frei zugänglich für jeden, der etwas loswerden wollte. Schon beim ersten Schritt aufs Gelände war klar, dass das hier kein frischer Fund war. Der Müll hatte sich in Schichten abgelagert, verwittert, teils ins Erdreich eingesunken. Ältere Ablagerungen lagen unter jüngeren – ein stilles Protokoll des Wegschauens über Monate, vielleicht sogar noch sehr viel länger.



René blieb nach wenigen Metern stehen, sah sich langsam um und sagte ruhig: „Das ist kein einmaliger Ausrutscher. Das ist hier über Monate so gewachsen. Vielleicht länger. Schau dir an, wie verwittert das teilweise ist – das liegt hier nicht seit letzter Woche.“ Benni kniete sich kurz hin, hob eine Plastikfolie an, unter der sich weitere Müllsäcke verbargen, und nickte. „Und das Schlimmste ist: Wer immer das hier entsorgt hat, ist einfach immer wiedergekommen. Der wusste genau, dass hier niemand schaut.“
Was sich auf dem Grundstück türmte, war eine erschreckende Vielfalt: Sperrmüll, Sondermüll, Elektroschrott. Matratzen, ein Fahrradrahmen, Bekleidung. Das Gehäuse eines Häckslers, der Bildschirm und Rahmen eines alten Röhrenfernsehers, der Auffangbehälter eines Rasenmähers. Verrostete Dosen, leere Kanister, unzählige Trink- und Einmachgläser – teils noch mit eingelegtem Obst –, Flaschen, blaue Müllsäcke in großer Zahl. Und immer wieder: vergrabenes Plastik, das erst beim genauen Hinsehen sichtbar wurde.



„Das ist kein Zufall, dass das vergraben ist“, sagte René, während er eine weitere Folie aus dem Boden zog. „Wer Müll vergräbt, weiß, dass er etwas Falsches tut. Das ist keine Nachlässigkeit mehr – das ist Absicht.“ Benni warf einen weiteren Sack auf den wachsenden Haufen und antwortete: „Und der Boden bezahlt das auf Jahrzehnte. Was da drin ist – Weichmacher, Schwermetalle aus dem Elektroschrott, ausgelaufene Chemikalien aus dem Sondermüll – das zieht langsam ins Erdreich. Das fließt irgendwann ins Grundwasser. Nur sieht das halt keiner.“
Beide arbeiteten weiter, ruhig und konzentriert. Aber die Stille zwischen ihnen sagte mehr als viele Worte.
Chris und René: Was sich hinter den Versorgungsleitungen verbirgt
Entlang der Rhinstraße zog derweil eine zweite Gruppe weiter – Chris und René, flankiert von einigen Teilnehmenden der Kehrenbürger. Hinter einer Reihe grüner Versorgungsleitungen, die den Blick von der Straße aus wirkungsvoll verdecken, blieben beide abrupt stehen.
Was sich dort aufgetan hatte, war ein ausgewachsener Müllhotspot. Unsichtbar für Passanten, offenbar aber für einen festen Kreis von Nutzern eine bestens bekannte Ablage. Chris holte zunächst seine Kamera raus und begann zu fotografieren, bevor er auch nur eine Greifzange ansetzte. „Ich will das festhalten“, sagte er. „Damit später niemand sagen kann, das war nicht so schlimm. Damit man sieht, wie das wirklich aussieht – und dass das nicht über Nacht passiert.“ René begann derweil, die oberen Schichten abzutragen. Darunter: weitere Lagen. Die Stelle war über einen langen Zeitraum systematisch genutzt worden.



„Weißt du, was mich am meisten ärgert?“, sagte Chris, ohne aufzuhören zu sammeln. „Das hier ist keine verlassene Ecke am Ende der Welt. Das ist mitten in der Stadt. Da wohnen Menschen. Und jemand hat trotzdem entschieden, dass das hier sein persönlicher Entsorgungsplatz ist.“ René sah kurz auf: „Und der nächste Wertstoffhof ist nicht weit. Aber der hier kostet nichts und fragt keine Fragen.“ Er machte eine kurze Pause. „Was hier im Boden landet, bleibt im Boden. Plastikfolien, Verpackungen – die zersetzen sich nicht einfach. Die werden zu Mikroplastik. Das wandert ins Erdreich, ins Wasser, in die Tiere, die hier leben. Und irgendwann landet es auf unserem Teller.“
René nickte schweigend und befüllte den nächsten Sack.
Janina und die Frage, die bleibt
Janina, die den Bereich von einer anderen Seite aus angegangen war, traf die Gruppe schließlich an diesem Hotspot. Auch sie hatte auf ihrem Weg entlang der Rhinstraße Unrat gesammelt – verstreute Ablagerungen, die sich durch das gesamte Umfeld zogen und zeigten, dass das Problem keinen festen Mittelpunkt hatte, sondern sich flächig ausgebreitet hatte.



Als sie den Hotspot hinter den Versorgungsleitungen sah, blieb sie einen Moment still. Dann sagte sie: „Ich verstehe nicht, wie das so lange niemanden gestört hat. Nicht die Anwohner – außer Conny –, nicht das Ordnungsamt, nicht irgendjemanden. Das ist doch sichtbar. Das riecht doch. Das ist doch da.“ Sie machte eine Pause. „Und ich frage mich wirklich: Was wächst hier noch? Schau dir den Boden an. Unter diesen Plastikfolien, unter diesem Müll – da kommt kein Licht hin, kein Wasser, keine Luft. Da stirbt gerade etwas. Langsam, aber sicher.“
Es war eine Frage, auf die wir an diesem Tag keine befriedigende Antwort fanden. Was wir fanden, waren Müllsäcke. Also packten wir weiter an.
Besonders brisante Funde: Eine Debatte, die wir führen müssen
Mitten in der Arbeit ruhte plötzlich kurz die Bewegung im Team. Zwischen dem Haus- und Sperrmüll kamen Dinge zum Vorschein, die niemanden kalt ließen: Einwegvapes in größerer Zahl, Spritzen ohne Nadel, Drogenlöffel, eine Lachgaskartusche.



Melli hielt eine der Vapes hoch und sagte: „Ich finde die bei jeder Aktion. Jedes Mal mehr. Die sehen aus wie Spielzeug – bunt, klein, harmlos. Aber da drin steckt ein Lithium-Ionen-Akku. Genauso einer wie in deinem Handy. Und der gehört definitiv nicht in die Natur.“ René ergänzte: „Lithium, Kobalt, Mangan – alles Schwermetalle, die aus dem Gehäuse auslaufen, wenn es aufbricht oder verwittert. Das versickert im Boden, zieht ins Grundwasser. Und beschädigte Lithium-Akkus können sich selbst entzünden – noch Wochen nach der Entsorgung. Die einzige richtige Stelle für so ein Teil ist der Elektroschrott. Nicht hier.“ Benni schüttelte den Kopf: „Und das Absurde ist: Es gibt an fast jeder Tankstelle und in jedem Supermarkt Rückgabemöglichkeiten. Es braucht buchstäblich null Aufwand, das richtig zu machen.“
Die Lachgaskartusche hielt Benni kurz in die Höhe. „Partyspaß“, sagte er trocken. „Einmal benutzt, einmal weggeworfen.“ Chris sah ihn an: „Weißt du, wie klimaschädlich das Zeug ist? Distickstoffmonoxid ist ein Treibhausgas – über hundert Jahre gerechnet mehr als 265-mal so wirksam wie CO₂. Die Kartusche selbst wäre recycelbarer Stahl. Stattdessen liegt sie hier im Gebüsch und rostet vor sich hin.“ Janina, die zugehört hatte, sagte leise: „Das ist das, was mich bei diesen Aktionen immer wieder trifft. Hinter jedem dieser Fundstücke steckt eine Entscheidung. Jemand hat sich entschieden, das hier hinzuwerfen. Jemand hätte sich auch anders entscheiden können.“



René ließ seinen Blick noch einmal über das Gelände wandern und sagte schließlich: „Das hier ist kein Naturphänomen. Das macht alles ein Mensch. Und ein anderer Mensch könnte es verhindern. Wir stehen hier, weil das nicht passiert ist. Und wir werden wiederkommen, weil es immer wieder nicht passiert.“ Dann griff er zur Greifzange und machte weiter.
Ein Ostersamstag, der sich gelohnt hat
Am Ende des Tages standen volle Müllsäcke und erschöpfte, aber zufriedene Gesichter. Benni, René, Chris, Melli und Janina – das ist Clean up MaHe. Menschen, die an einem freien Tag nicht zuhause bleiben, sondern anpacken. Die sich nicht fragen, ob sich der Einsatz lohnt, sondern einfach loslegen. Genau das macht diese Initiative aus.
Albrecht und die Kehrenbürger Lichtenberg packten mit einer Selbstverständlichkeit und Herzlichkeit an, die uns jedes Mal aufs Neue begeistert. Diese Zusammenarbeit ist keine Pflichtübung – sie ist echter Zusammenhalt über Bezirksgrenzen hinaus. Dafür herzlichen Dank.
Und natürlich gilt unser Dank all jenen, die schon so oft dabei waren, dass wir ihre Gesichter kennen wie die unserer Nachbarn. Ihr wisst, wer ihr seid.



Nächste Aktion: 19. April am Forum Kienberg – seid dabei!
Die nächste Müllsammelaktion findet am Sonntag, den 19. April, statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr auf dem REWE-Parkplatz am Forum Kienberg in Hellersdorf. Auch dort haben wir mehrere eindeutige Hinweise erhalten. Alle Informationen zur Veranstaltung gibt es hier: www.cleanup-mahe.de/event/veranstaltung999/
Ihr habt einen Müllspot entdeckt?
Dann meldet euch bei uns – genau wie Conny es getan hat. Schickt uns eine E-Mail mit Fotos und einer kurzen Beschreibung an info@cleanup-mahe.de. Wir schauen uns jeden Hinweis an und entscheiden dann über das weitere Vorgehen. Gemeinsam halten wir unseren Bezirk sauber.
Wir haben heute mit Teilnehmern über den Springpfuhl und den Helene-Weigel-Platz gesprochen.
Euer Team von Clean up MaHe 💚
Fotos: © Clean up MaHe
Schaut gern regelmäßig in unseren Veranstaltungskalender rein.
Kontakt: Clean up MaHe
E-Mail: info@cleanup-mahe.de
Website: www.cleanup-mahe.de
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Ordnungsamt-App: So könnt ihr helfen
Um auch in Zukunft das gemeinsame Zusammenleben in Marzahn sauber zu halten, möchten wir euch allen ans Herz legen, die 👉 Ordnungsamt-App zu nutzen. Sie ist kostenlos und hilft sowohl den Behörden als auch uns allen als Nachbarschaft:
- Download und Installation
Sucht in eurem App-Store (Android und iOS) nach „Ordnungsamt-App Berlin“ und installiert sie kostenfrei. - Meldung erstellen
In der App könnt ihr aus verschiedenen Kategorien wählen, zum Beispiel „Müllablagerung“ oder „Sperrmüll“. Anschließend könnt ihr den Standort entweder automatisch bestimmen lassen oder manuell eingeben. - Foto machen
Macht ein Foto vom Müll oder von der Situation. Das hilft dem Ordnungsamt, die Meldung besser einzuordnen. - Angaben abschicken
Ihr könnt optional eure Kontaktdaten angeben, um eine Rückmeldung zu erhalten. Die Meldung bleibt auf Wunsch aber auch anonym. - Bearbeitungsstatus verfolgen
Ihr könnt im Anschluss sehen, wie der Status eurer Meldung ist und ob die Angelegenheit bereits bearbeitet wird.


Nützliche Links
- Ordnungsamt Marzahn-Hellersdorf
Offizielle Kontaktseite – Hier findet ihr alle wichtigen Informationen zur Erreichbarkeit und den Sprechzeiten. - Clean up MaHe
Wer Lust hat, sich uns bei künftigen Aktionen anzuschließen, findet Infos und Kontaktmöglichkeiten auf unserer Webseite oder in unseren Social-Media-Kanälen. Wir freuen uns immer über neue Gesichter!